Herzlich willkommen auf unserer Webseite

Die Gründungsversammlung für den Interreligiösen Arbeitskreis im Kanton Thurgau fand am 28. Oktober 2010 in Frauenfeld statt. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, den Dialog zwischen den Religionen auf kantonaler Ebene zu fördern und die interreligiösen Aktivitäten in den Regionen zu unterstützen und zu vernetzen.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

 

 

 

Für eine liberale Koranauslegung

 

 

 

Rehan Neziri machte sich mit seiner modernen Koranauslegung unter den Anwesenden viele Freunde. (Bild: Donato Caspari)

 

Weder sexistisch noch rassistisch ist der Koran, wenn man ihn kritisch interpretiert. Das sagte Imam Rehan Neziri in einem Lehrgespräch am Montag zum Auftakt des zweiten Jahreszyklus der interreligiösen Begegnungen in Kreuzlingen.

MATHIAS FREI

 

KREUZLINGEN. Mitte September lancierte ein überparteiliches Komitee unter dem Lead der Schweizer Demokraten eine kantonale Volksinitiative. Der Initiativtext verlangt im Gesetz über die Volksschule das Verbot von «Lehrbüchern, auch im religiösen Bereich, die frauenfeindlich, rassistisch oder mörderisch» sind. Damit richtet sich das Volksbegehren auch konkret gegen den 2010 in Kreuzlingen lancierten islamischen Religionsunterricht.

Am Montagabend nahm Rehan Neziri, Imam der albanisch-islamischen Gemeinde in Kreuzlingen und Theologe, im Ulrichshaus der katholischen Pfarrei St. Ulrich vor vollen Rängen Stellung zu den Vorwürfen gegen entsprechende Korantextstellen.

Andere glauben anders

Vor dem Saal verteilt ein älterer Herr Kopien eines Zeitungsartikels über verfolgte Christen in moslemischen Ländern und eine Zusammenstellung von aus dem Kontext gerissenen Koranversen. Am Rednerpult gibt sich Rehan Neziri, der zu den liberalen Imamen gezählt wird, umso versöhnlicher, zeigt dabei Dialogbereitschaft. Gestenreich tritt er auf, wirkt seriös und spricht zwar mit Akzent, aber in gutem Deutsch. Erst gegen Ende der Veranstaltung muss er sich ab und an mit einem Taschentuch den Schweiss von der Stirn wischen.

Matthias Loretan, Diakon der katholischen Pfarrei St. Ulrich, leitet mit der Feststellung ein, dass es in einem offenen Religionsverständnis nicht darum gehe zu bekehren, sondern zu akzeptieren, dass andere anders glauben. Neziri begrüsst mit «salam aleikum» (Friede sei mit dir).

«Jede Übersetzung ist eine Interpretation», sagt der Imam. Zudem sei es wichtig, dem Koran als Primärquelle auch immer die Sunnah, welche den Koran erläutere und erweitere, für eine historisch-kritische Interpretation gegenüberzustellen.

 

Glaube versus Vernunft

Der Imam erklärt vermeintlich sexistische und rassistische Suren in ihrem historischen Kontext und verortet sie modern. Mit den Ausführungen Neziris zu Bedeutungsverschiebungen und kulturhistorischen Entwicklungen lösen sich die expliziten Verse auf. Wo es etwa heisst, dass Männer den Frauen bevorzugt seien, geht es richtig übersetzt weniger um eine Wertung als um die Verantwortung gegenüber der Ehefrau. Oder: Das Wort «kafir», oft als «ungläubig» übersetzt und damit negatives Zentrum im Islam, interpretiert Neziri als «andersgläubig». Auch Moslems könnten andersgläubig sein. «Wie kann man Suren nur so unreflektiert auslegen?», ärgert er sich über Fehlinterpretationen. Loretan gibt ihm recht. Auch in der Bibel gebe es «ärgerliche» Textstellen. Es sei jedoch falsch, diese Passagen zu streichen. Denn nur in der kritischen Beschäftigung komme eine Spannung von Glaube und Vernunft zustande.

 

Für persönliche Willensfreiheit

In der anschliessenden Fragerunde bekräftigt Neziri seine liberale Haltung. «Weil wir in der Schweiz leben, steht für uns die Bundesverfassung über dem Koran.» Die Religion gebe einem Hoffnung, auch wenn man sie nur zu 50 Prozent leben wolle. Loretan erklärt, es sei in Ordnung, den hohen Ansprüchen von Bibel oder Koran nicht immer gerecht werden zu können. Fragen der Mischehe begegnet Neziri mit der persönlichen Willensfreiheit. Und die optimale Staatsform für den Islam? Er sei kein Politiker. «Aber in den islamischen Ländern ist der Wunsch nach Demokratie gross.»

 

Thurgauer Zeitung, 16. November 2011