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Mittwoch, 19. Januar 2022, 19 - 21 Uhr
Kath. Pfarreizentrum, Freiestrasse 13, Weinfelden

 

Sechs interreligiöse Feiern am Bettag führte der Interreligiöse Arbeitskreis bisher im Thurgau durch. Der Vorstand lädt Mitglieder und Interessierte zu einer Art Zwischenhalt oder Standortbestimmung ein.

· Welche Formen interreligiösen Feierns gibt es?

· Was tun wir überhaupt, wenn wir interreligiös beten bzw. feiern?

· Welches sind Möglichkeiten und Grenzen interreligiöser Feiern?

· Wollen wir diese Form weiterentwickeln – und wenn ja, wie?


Wir diskutieren diese Fragen mit zwei Expert*innen: 

· Ann-Kathrin Gässlein ist Mitbegründerin des Interreligiösen Arbeitskreises im Kanton Thurgau. Sie verfasst zur Zeit eine Dissertation zum Thema Interreligiöse Feiern und wirkt an den interreligiösen Bettagsfeiern im Kanton St. Gallen mit.

· Hans Peter Niederhäuser initiierte das Projekt der Interreligiösen Bettagsfeiern im Thurgau 2015. Umsichtig koordinierte er die bisher sechs Feiern in Zusammenarbeit mit Beteiligten aus den verschiedenen Religionen. Er setzte wesentliche inhaltliche und gestalterische Impulse. Jetzt möchte er diese Verantwortung gerne weiter geben.


Ablauf des Gesprächs

·  Begrüssung (Matthias Loretan, Moderation)

·  Interreligiöses Feiern: Forschungsergebnisse (Ann-Kathrin)

·  Die interreligiöse Bettagsfeier im Thurgau. Ein Rückblick (Hans Peter)

·  Forschungsergebnisse und die Thurgauer Bettagsfeier - ein Dialog 
(Ann-Kathrin, Hans Peter)

·  Offenes Plenums-Gespräch zum Gehörten und zur Zukunft der interreligiösen Bettagsfeier im Thurgau (Moderation: Matthias)

 

 

Ann-Katrin Gässlein, Expertin zum Thema «Interreligiöse Feiern»

Sie verfasst zurzeit eine Dissertation zum Thema «Religionsverbindende Feiern». 

 

Geht das: interreligiös beten/feiern?

Es ist problematisch, «beten» automatisch mit einer «feiern» gleichzusetzen. Der Sprachgebrauch im Englischen (prayer) und im Deutschen verführt dazu, aber trifft die Sache nicht; denn es haben sich heute weltweit verschiedene Formen des Feierns durchgesetzt, bei denen Menschen aus unterschiedlichen religiösen, z.T. auch kulturellen Traditionen Beiträge einbringen. Da kommen zwar Gebete vor, aber eben nicht nur. In den meisten Feiern wechseln sich Texte, Impulse, Symbolhandlungen, Meditationen, Musik etc. ab.

 

Was ist genau das Problem beim interreligiösen Beten?

Theologisch scheint es Probleme bei gemeinsam vollzogenen Handlungen zu geben, vor allem bei gleichzeitig laut gesprochenen Gebeten; diese haben ja eine Gottesanrede. Über den Adressaten des Gebets muss man sich im Vorfeld theologisch seriös verständigen. Ich kann Christ*innen verstehen, die Mühe haben, wenn allein zu «Gott, dem Schöpfer» gebetet wird und jeder Bezug zu Jesus Christus oder dem Heiligen Geist weggelassen wird, damit ein Gebet sprachlich z.B. für Muslim*innen anschlussfähig wird – zumal die meisten Muslime ein gemeinsam gesprochenes Gebet oft gar nicht wünschen. In der Realität werden vielfach «neutral gemeinte» Gebete als gemeinsamer Sprechakt vorgeschlagen, zum Beispiel die Schweizer Nationalhymne oder das «Gebet der Vereinten Nationen». Ob diese «Gebete» angemessen sind, müssen die Mitwirkenden einer Feier jeweils gemeinsam entscheiden. 

Es ist zwar denkbar, alle Anwesenden einzuladen, gemeinsam zu beten. Doch sind Vereinnahmungen, die durch indirekte Erwartungen geschürt werden, unbedingt zu vermeiden. Umgekehrt kann aber auch das dezidierte Abgrenzen irritieren, zum Beispiel wenn Teilnehmende explizit aufgefordert werden, beim Gebet der Andersgläubigen «ja nur» zuzuhören.

 

Wird bei einer Feier das Gebet eines Andersgläubigen vorgetragen, wie verhalten sich dann die Angehörigen der jeweils anderen Religion(en)? Sollen sie neugierig zuhören, auf einen Black-out hoffen oder nicht doch im Sinn ihrer Religion «mitbeten»?

Auf eine solche Frage gab der evangelische Theologe Hans Martin eine inspirierende Antwort. Er erzählte, wie er bei einer Zeremonie in einem Hindu-Tempel still für sich das Vaterunser betete. – 

Ich ziehe folgendes Fazit: Je besser die Beteiligten einander kennen und je stabiler das gegenseitige Vertrauen ist, desto achtsamer gehen sie miteinander um und desto entspannter lösen sie die Frage des Betens bei gemeinsamen Feiern.

 

 

 

Hans Peter Niederhäuser, Koordinator der interreligiösen Feier im Thurgau

Was war speziell an der letzten Feier am Bettag 2021?

Ich meine, wir können mit Blick auf die diesjährige, sechste interreligiöse Bettagsfeier im Thurgau von einer lebendigen, sich entwickelnden Tradition sprechen. Am Anfang stand das respektvolle Hören auf die Texte aus den verschiedenen Religionen zu einem gemeinsamen Thema. Bald kam eine musikalische Einbettung hinzu, diesmal Klezmer-Musik aus der jüdischen Tradition. Und nun schon zum zweiten Mal suchten wir nach einer rituellen Handlung, die nicht an einer religiösen Tradition, sondern an der jeweiligen Thematik anknüpft. So fand ich es speziell, dass an der diesjährigen Feier in der Mitte ein durch zwei Segel angedeutetes Schiff stand, an die von allen Teilnehmenden zum Zeichen für ihre Beherztheit ein farbiges Herz geklebt wurde. Das Thema «Mut zum Wandel» sollte damit verdeutlicht werden: Die Pandemie fordert uns als Einzelne, aber auch die Religionen dazu auf, Altes loszulassen und uns mit unseren je eigenen Farben mutig ins gemeinsame Boot der Solidarität zu begeben. 

 

Was ist besonders gelungen?

Von Anfang an setzten wir auf das Konzept, die Feier nicht immer am gleichen Ort durchzuführen, sondern uns von einer Religionsgemeinschaft einladen zu lassen. So waren wir diesmal bei der islamischen Ahmadiyya-Gemeinschaft in der Nuur-Moschee in Wigoltingen zu Gast. Einmal mehr waren die Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die uns zuteilwurden, ein beeindruckendes Erlebnis. Bei der reichlichen Bewirtung im Anschluss an die Feier wurden intensive Gespräche geführt, alte Bekanntschaften erneuert und neue Kontakte geknüpft. Das ist wohl etwas, das den religiösen Frieden in unserem Land am meisten fördert.